Gesundheit

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23.02.2026

Prävention neu denken!?

Prävention neu denken!?

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Beim Thema Prävention fallen mir spontan zwei gegensätzliche Betrachtungsweisen ein. Zunächst einmal wird kaum jemand bestreiten, dass Vorbeugen besser ist als Heilen. Andererseits richten wir unser Leben zunehmend nach dem Ökonomieprinzip aus, wollen es möglichst bequemlich. Dadurch wird das natürliche Stimulusprinzip als Voraussetzung für die Entwicklung und Erhaltung von Fitness und Gesundheit, trotz Sport und Training, zunehmend vernachlässigt. Aufgrund der massiven Folgen für die Volksgesundheit ist es daher dringend geboten, Prävention anders und tiefer als bisher im System zu verankern. Wie kommen wir aus der Bequemlickeitsfalle wieder raus?

Ein Blick auf den Gesundheitszustand unserer Gesellschaft verdeutlich den Handlungsbedarf. Die sogenannten Lebensstilerkrankungen nehmen seit einigen Jahrzehnten stetig zu, trotz vieler Ansätze und Bemühungen im Bereich der Prävention. Während Bewegungsmangel und seine Folgen in den 1980er Jahren noch höchstens als sekundärer Risikofaktor betrachtet wurde, ist er heute längst die Hauptursache bei der Entstehung von Gesundheitsproblemen und Erkrankungen. Beispiele für die verheerenden Auswirkungen des Bewegungsmangels sind der stetige Anstieg von Übergewichtigen, sowie die erschreckende Zahl von über 10 Millionen Altersdiabetikern (Tendenz steigend).

Ökonomie und Lebensstil

Bevor nun auf einige Vorschläge für erfolgsversprechende Ansätze und Handlungsmodelle in Sachen Prävention eingegangen wird, ein kurzer Blick auf zwei wichtige, naturgegebene Gesetzmäßigkeiten, die auch im 21. Jahrhundert noch ihre Gültigkeit haben: das Ökonomie- und das Stimulusprinzip.

Durch die in den letzten Generationen entstandene Dysbalance dieser beiden Prinzipien, nämlich einen Mangel an Bewegungsreizen bei gleichzeitig zu viel Bequemlichkeit, ist der epidemieartige Anstieg an Zivilisations- und Bewegungsmangel Erkrankungen logisch und erklärbar. Aus diesem Grunde muss bei der Planung und Durchführung von präventiven Aktivitäten der Fokus sowohl auf das Verhalten als auch auf die Planung von Lebensbedingungen gelegt werden.

Da beide Bereiche mit einem aktiven, zielorientierten Verhalten verbunden sind, muss erwähnt werden, dass das Wort Prävention, was so viel wie Vorbeugung bedeutet, eigentlich unglücklich ist, denn die Zielsetzung der Prävention liegt ja primär in der Beeinflussung und Hinführung zu einem aktiven, Gesundheitsorientierten Lebensstil. Bedenkt man zudem, dass unser Gehirn als Steuerorgan bei Aktivitäten und der Durchführung von Handlungen aktionsorientiert ist, liegt auch hierin eine wichtige Be - gründung für den richtigen Ansatz und die Herangehensweise, bei zukünftigen Präventionsaktivitäten.

Zur Verdeutlichung ein praktisches Beispiel: Ein Torwart, der die Einstellung hat, „Der Ball darf nicht ins Tor gehen“ (Vermeidungsstrategie) hat gegenüber dem, der den Fokus darauflegt, „Den Ball halte ich“, eine viel geringere Erfolgsquote, denn beim Letzteren ist die Herangehensweise aktionsorientiert.

Wissenstransfer

Da Wissen nicht vor Dummheit schützt, muss man sich beim Thema Prävention vor allem auf die Implementierung und Umsetzung von Evidenz fokussieren. Die negativen Folgen des Rauchens oder durch Übergewicht dürften einem Großteil bekannt sein, sind jedoch nur vermeidbar durch ein aktives Verhalten, oder durch eine Korrektur, mittels Verhaltensmodifikation. Wir haben aus meiner Sicht kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Daher ist es sehr wichtig, beim Thema Bewegungsmangel ein großes Gewicht auf einen adäquaten Transfer von Wissen und eine individuelle Hinführung zu einem aktiven, ge sundheitsorientierten Lebensstill zu legen.

Individuelle Konzepte & Ganzheitlichkeit

Die hier aufgeführten Gedanken zeigen auf, dass wir auch im 21. Jahrhundert an gewissen Gesetzmäßigkeiten für die Entwicklung und Erhaltung von Fitness, Gesundheit und Vitalität nicht vorbeikommen, wenn wir Präventionskonzepte erfolgreich implementieren wollen.

Neben diesen Gesetzmäßigkeiten sollten wir auch den stetigen Fortschritt als Faktor mit einbeziehen. „Nichts ist so konstant wie die Veränderung“, wussten schon die Griechen in der Antike. Technologische Entwicklungen und die damit zusammenhängenden, fantastischen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten, dürfen nicht verdammt werden, sondern als Chance betrachtet werden. Sie führen nicht zu Gesundheitsproblemen, sondern der falsche Umgang mit Ihnen. Die Technologie ermöglicht uns vielfältige und sinnvolle Möglichkeiten, auch für die Bereiche Fitness und Gesundheit.

Ohne ausreichende Stimuli und Bewegungsreize, lässt sich ein psychosomatisches Gleichgewicht weder entwickeln noch erhalten. Daher haben körperliche Aktivitäten, Bewegungsaspekte und Sport eine außergewöhnliche Bedeutung für die Gesundheitskarriere.

Wie in vielen anderen Bereichen gibt es auch hier nicht die „eine Lösung“ für alle. Vielmehr muss es darum gehen, z.B. bei Bewegungsempfehlungen – sowohl im Bereich Prävention als auch im Bereich Bewegungs- und Sporttherapie-Lösungen zu suchen, die sowohl den individuellen Anlagen und Neigungen entsprechen, aber auch zu den gegebenen Lebensbedingungen und Voraussetzungen möglichst optimal angepasst worden sind.

Aus diesem Grunde muss die praktische Machbarkeit, insbesondere aber auch die notwendige Einsicht, dass Bewegung, frische Luft, sauberes Wasser, eine ausgewogene Ernährung, genügend Ruhe und Schlaf, sowie der richtige Umgang mit Genuss und Genussmitteln zur festen Säule eines gesundheitsorientierten Lebensstils gehören.

Hieraus lässt sich wiederum ableiten, dass das zukünftige Gesundheitssystem seinen Versorgungsauftrag, im Bismarckischen Sinne, so anlegt, dass nicht nur Gesundheitsprobleme und Krankheiten im Fokus stehen, sondern Fitness und Gesundheit eine entsprechende Priorität bekommen, womit auch die Selbstverantwortung zu einer tragenden Säule werden würde. Da ein Großteil der heutigen Gesundheitsprobleme und hiermit verbundene Kosten lebensstilbedingt sind, ist es geradezu unverständlich, warum die persönliche Verantwortung und das persönliche Verhalten bis heute praktisch keine systemische Bedeutung erfährt.

Konkrete Ansätze Bei der Überlegung, wie man in Sachen Prävention neue, erfolgreiche Ansätze formulieren kann, scheint die Lösung in einer Kombination von einer veränderten Gesetzgebung im Gesundheitssystem unter Einbeziehung der Selbstverantwortung zu liegen. Auf der Umsetzungsebene sehe ich folgende Ansätze:

Im Erziehungsbereich und im Bildungswesen sollte die Kompetenzentwicklung für einen aktiven, Fitness- und Gesundheitsorientierten Lebensstil einen zentralen Stellenwert erhalten.

  • ❯ Im Arbeitsleben müsste, bezüglich der Aspekte Schutz, Sicherheit und Milieu, ein aktiver, gesundheitsorientierter Lebensstil zu einem Kernelement werden (diesbezügliche Investitionen sind, wie wissenschaftliche Studien belegen, zudem sehr lohnend).
  • ❯ Bei Städtebau und Verkehr müssen Umweltaspekte, insbesondere aber auch der Fortbewegungsaspekt mit Muskelkraft, zu einem Kernanliegen werden.
  • ❯ Im Gesundheitswesen sollten Eigenverantwortung und ein gesunder Lebensstil einen zentralen Stellenwert als Bewertungsfaktor erhalten (vergleichbar mit Faktoren bei der Autoversicherung).
  • ❯ Von der Wiege bis zur Bahre sollte einen aktiven, gesundheitsorientierten Lebensstil in allen Lebenswelten den Stellenwert erhalten, den es braucht, um eine erfolgversprechende Grundlage für ein positives, aktives und vitales Leben und somit auch für eine positive gesellschaftliche Entwicklung zu schaffen.

Umstrukturierung & Gesundheitsparameter

Diese Ideen setzen andere Prioritäten und eine nicht zu unterschätzende Umstrukturierung unseres Gesundheitswesens voraus (zb. im Hinblick auf die Besitzstandswahrung und die Rolle von Handlungsempfehlungen im Vergleich zu Behandlungen).

Wichtig wäre zudem im Hinblick auf das Thema Bewegungsmangel eine Art regelmäßiger TÜV bzw. Check zur Ermittlung des Gesundheitszustands beim Hausarzt oder einer anerkannten Gesundheitseinrichtung. Als Basistest wäre beispielsweise eine VO2max-Messung denkbar zur Bewertung der allgemeinen Fitness. Das Gesundheitssystem bekäme dadurch einen international anerkannten Pa rameter für die Beurteilung des Be - we gungsumfangs, woraus wiederum Handlungsempfehlungen abgeleitet werden könnten, aber auch gegebenenfalls eine Grundlage zur Beitragsbewertung bei der Krankenkasse.

In der nächsten Ausgabe folgt ein Artikel zur Rolle der Eigenverantwortung im Gesundheitssystem.


Autor

Dieter Lagerstrøm war nach seinem Studium und der Promotion lange Jahre als Dozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der DSHS Köln aktiv. Zudem hatte er ab 1974 zahlreiche Positionen im Bereich Sport und Gesundheit inne und arbeitet derzeit als Berater.


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