Therapie

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06.10.2022

Grifftechnik, Widerstand und Massage

Grifftechnik, Widerstand und Massage

Zum Stellenwert der Haptik in der Therapie

Körperkontakt gehört für Physiotherapeuten zum Berufsalltag. Professorin Claudia Winkelmann hat ein mobiles Haptiklabor mitentwickelt. TT-DIGI sprach mit ihr über die Bedeutung von Berührungen in der Therapie.

Physiotherapeuten untersuchen Patienten tastend. Erst danach erstellen sie ihre Anamnese, weshalb die Fähigkeit des optimalen Berührens und das Spüren selbst, also die Haptik so wichtig ist. TT-DIGI unterhielt sich mit Professorin Claudia Winkelmann zu diesem Thema.

TT-DIGI: Kann eine trainierte Haptik einer apparativen Diagnostik überlegen sein?

Prof. Dr. med. Claudia Winkelmann: Aus Forschungsarbeiten wissen wir, dass die aktive Tastsinnesleistung durchaus trainierbar ist. Wir sind in der Lage, Objekte einer Größe von bis zu 1 tausendstel Millimeter mit den Fingerbeeren zu ertasten. Die Auflösung eines MRT liegt ungefähr bei 1 Millimeter. Das allein ist natürlich noch kein ausreichendes Argument für die Überlegenheit. Die aktive Tastsinnesleistung bedeutet immer Interaktion von Physiotherapeut und Patient. Hierbei geht es auch um psychische und soziale Aspekte und nicht zuletzt Zeit und Vertrauen, sich auf die Person und die Situation einzulassen.

Welche Relevanz hat der Tastsinn in der Therapie?

Häufig wird im Zusammenhang mit dem Tastsinn das Berühren und Berührtwerden angeführt. Tatsächlich aberkann das Tastsinnessystem in drei Bereiche unterschieden werden, die in der Physiotherapie enorme Bedeutung haben: 1. die Exterozeption, z.B. Tastbefunde durch aktive Tastsinnesleistung, 2. die Interozeption, z.B. Schmerz, Herzrasen und 3. die Propriozeption, z.B. segmentale Stabilisation. Die aktive Tastsinnesleistung ist bei allen Menschen unterschiedlich gut ausgeprägt.

Wie wird der Tastsinn in der Therapie eingesetzt?

Wir besitzen etwa 900 Millionen Tastsinnes-Zellen in verschiedenen Regionen und mit unterschiedlichen Funktionen. Damit können wir in der Physiotherapie – als Reiz-Reaktions-Therapie – arbeiten. So nutzen wir beispielsweise mechanische, thermische, elektrische, physikochemische Reize.

Besitzen die Berufstätigen in den Gesundheitsberufen per se ein besonderes Einfühlungsvermögen?

Nein, so einfach ist das nicht. Das erleben wir auch untereinander im Team, in der Verbandsarbeit oder in Projekten. Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die von Ihnen aufgezählten Berufsgruppen genauso viel oder wenig empathisch sind wie andere Menschen auch.

Müssen Therapeuten, Pflegepersonal und medizinische Betreuer das erst lernen?

Empathie kann gefördert werden. In der Ausbildung setzen wir mit diesem Anspruch Altersanzüge, Fett-Suits und Module zum Training der Reflexionsfähigkeit sowie zu Ethik und Anthropologie ein. Grundlegend setzt dies intrinsische Motivation aus Können, Wollen und Dürfen voraus. Darüber hinaus sprechen wir hier vom GrowthMindset-Modell. Das basiert auf Eindrücken – ebenso hinsichtlich Diversität, Anti-Rassismus und -Diskriminierung –, die bereits im Kindesalter gemacht werden. Ein großes Thema und aus meiner Sicht genauso eine Frage der Haltung und Performanz. Untersuchungen belegen, dass der bloße Wille, eine empathische Haltung einzunehmen, nicht auszureichen scheint, um auch empathisches Verhalten zu zeigen.

Muss Ihren Forschungsergebnissen entsprechend die klassischen Hands-on-Technik in der Therapie wieder neu beurteilt werden?

Das wünsche ich uns und unserer Gesellschaft und ich bin damit nicht allein. Weltweit gibt es Bestrebungen – Sie skizzieren es schon – die Bedeutung des Tastsinnessystems zu erforschen und davon Ableitungen für biopsycho-soziale Interventionen zu treffen. Ich kann die Ansätze der Hands-off-Therapie aus fachlichen, psychologischen, betriebswirtschaftlichen und ökonomischen Gründen durchaus nachvollziehen. Allerdings kenne ich durch die Forschungsarbeit zum Tastsinnessystem auch das große Potenzial der Hands-on-Techniken. Vielleicht schaffen wir einen Kompromiss, eine Balance und beide Formen können gleichwertig in der Physiotherapie oder besser noch in der Gesundheitsversorgung für Diagnostik und Therapie genutzt werden.

Welche Wirkung übt das Berühren auf den Handelnden aus?

Beim Berühren bzw. dem Verarbeiten von Berührung entscheidet vor allem der Kontext. Selbstverständlich wirkt sich das Berühren durch den Therapeuten oder Masseur/ medizinischen Bademeister auch auf diesen selbst aus. Einerseits hinsichtlich der Verarbeitung der aktiv wahrgenommenen Gewebe (z.B. behaart, feucht, verklebt) und andererseits hinsichtlich der eigenen Gefühlswelt. Und schließlich sind genauso weitere Sinnessysteme wie Hörsinn oder Geruchssinn aktiv. Therapeuten und Masseure/ medizinische Bademeister berühren in einem professionellen Kontext, um zu befunden und zu therapieren. Aus Interviews konnten wir erfahren, dass diese Situation dann quasi gesichert wird, wenn vorbereitend ein Gespräch mit den Patienten geführt wird. Hier sollten die Ziele und die Intervention besprochen und geklärt werden.

Ihre Erkenntnis für die Physiotherapeuten?

Wenn wir professionell berühren, berühren wir in vielerlei Hinsicht und stoßen damit auch manchen Prozess an, den wir so nicht intendiert hatten. Es ist wichtig, sich dessen immer wieder bewusst zu sein. Gerade in einem so gesellschaftlich wertvollen Beruf in der Physiotherapie.

Das Interview führte Reinhild Karasek


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