Gesundheit

Gesundheit

Gesundheit


26.02.2026

Biohacking und Persönlichkeit:

Biohacking und Persönlichkeit:

©

Der richtige Umgang mit den Daten

Wenn der aktuelle Zeitgeist durch zwei Dinge geprägt wird, dann ist das zum einen der Umgang mit KI und zum anderen die Steigerung der Effizienz. Übertragen auf den Menschen und seine Gesundheit bzw. Leistungsfähigkeit ergeben sich daraus die Themen Biohacking und Selbstoptimierung. Dabei beschreibt Biohacking einen datenbasierten, systematischen Ansatz zur Erfassung individueller und körperbezogener Parameter, bei dem biologische Prozesse zunächst gemessen, anschließend beeinflusst und final angepasst werden. Neben dem individuellen Wohlbefinden sollen dadurch die Gesundheit sowie die Leistungsfähigkeit verbessert werden.

Zum Einsatz kommen beim Biohacking - je nach Ziel - ganz unterschiedlich Instrumente und Gadgets:

1. Wearables

Dabei handelt es sich um Geräte, die man bei sich oder sogar am Körper trägt (engl. to wear) und die in Echtzeit Daten über die körperliche Verfassung liefern. Fitness- oder Schlaftracker, aber auch Blutzucker- bzw. Blutdruckmessgeräte sind Beispiele, welche das Ziel der Beobachtung und der datengestützten Optimierung haben.

2. Neurohacker

Neurohacking ist ein noch nicht so bekannter Ansatz und beschäftigt sich insbesondere mit der mentalen Gesundheit, kognitiven Leistungsfähigkeit und Stressregulation. Zum Einsatz kommen z.B. EEG-Headsets, welche die Hirnaktivitäten messen und so ein neuronales Feedback geben. Die Intention liegt in der Förderung der Konzentrationsfähigkeit aber auch in der Stressregulation und der kognitiven Performance.

3. Ernährungstracker

Im Sinne einer idealen Körperkomposition kommen sogenannte Ernährungstracker zum Einsatz. Hierbei handelt es sich um smarte Körperwaagen oder auch Geräte zur Analyse von Atemgasen. Die Kontrolle des Körpergewichts, aber auch die Beobachtung des energetischen Zustands im Bereich des Stoffwechsels können hier entsprechende Ansätze der Nutzung sein.

Wie viele Erwachsene in Deutschland aktuell Biohacking zur Verbesserung der eigenen Gesundheit und Leistungsfähigkeit nutzen, lässt sich anhand von Studien zur Nutzung von Gesundheitsapps und Wearables nur schätzen. Demnach nutzen rund 55 Prozent der Deutschen Smartwatches, BIA-Waagen oder Fitnesstracker. Zudem lassen sich die Umsätze im Jahr 2024 auf rund 1,5 Mrd. € beziffern. Bis 2030 wird hier eine Verdreifachung erwartet.

Der Nutzen von Biohacking Der zu erwartende Anstieg im Umsatzvolumen ist auf den positiven Nutzen in der Anwendung von Biohacking zurückzuführen. Gerade im Kontext der Gesundheitsförderung sowie in Bezug auf den immer wichtiger werdenden Longevity-Ansatz, kann Biohacking helfen, körperinterne Prozesse besser zu verstehen, um gezielt gegenzusteuern. So ergeben sich deutliche Vorteile in seiner Nutzung:

  • ❯ Frühzeitige Gesundheitsprävention,
  • ❯ Individualisierung statt Einheitslösungen,
  • ❯ Objektive Entscheidungsgrundlagen,
  • ❯ Motivationssteigerung für gesunde Routinen,
  • ❯ Unterstützung von Longevity- und Healthspan-Zielen.

Herausforderungen

Neben all diesen Vorteilen lohnt aber noch immer auch ein kritischer Blick auf das Thema. So können bei fehlender Expertise unerwünschte gesundheitliche Nebenwirkungen entstehen, die durchaus ein hohes Gesundheitsrisiko haben. Denn die Interpretation körperbezogener Daten ist immer abhängig von einem unabhängigen Korrektiv, welches auf einen umfassenden medizinischen Kontext zurückgreifen kann. Die reine Betrachtung von Daten oder die Zuhilfenahme des Internets sind dabei wenig zielführend.
 
Zudem kann der Drang zur Selbstoptimierung bei fehlender Resilienz und Gelassenheit im Umgang mit den Daten ein enormes psychisches Stresspotenzial beinhalten. Insbesondere, wenn die erwünschten Ergebnisse ausbleiben und mögliche falsche Kausalitäten in der Nutzung von Maßnahme oder Produkt X zur Erreichung von Ergebnis Y vorausgesetzt werden. Gerade bei kommerziellen Interessen und damit verbundenen Werbeversprechen ist ein reflektierter Blick gefragt.
 
Abschließend bleibt das Thema Datenschutz und -sicherheit aktuell. Hier sollte klar Vorsicht geboten werden, wenn es um die Nutzung individueller, personenbezogener Daten geht. Letztlich ist Biohacking kein Ersatz für fundierte, medizinische Diagnostik. Vielmehr stellt sie eine Ergänzung dar, wobei die Interpretation vor dem Hintergrund einer bestmöglichen Expertise, immer noch beim Menschen liegt.
 

Auswirkungen auf die Persönlichkeit

Doch die reine Erhebung von körperbezogenen Daten ist nur ein Aspekt. Viel interessanter ist die Frage, wie man mit diesen Daten umgeht und ob bzw. inwieweit sie Einfluss auf die bewusste oder auch unbewusste Gestaltung des Alltags haben?
 
Denn sowohl die Selbstwahrnehmung, aber auch mögliche Verhaltensweisen können bereits durch die reinen Daten, vielmehr aber noch durch die Interpretation der Erhebung sowie den Umgang damit beeinflusst werden.
 
Dabei kann die Interpretation der Daten durchaus positive Effekte auf die Persönlichkeit haben:
 
  • ❯ Erhöhte Selbstwirksamkeit: Kurzfristige Zielerreichungen werden in unserer schnelllebigen Zeit immer wichtiger. Das gilt auch für die Gesundheit. Durch Biohacking erleben Menschen, dass sie aktiv Einfluss auf ihr Wohlbefinden nehmen können und damit ganz kurzfristig auch die Gesundheit beeinflussen. ❯ Stärkeres Körperbewusstsein: Signale wie Müdigkeit, Stress oder Regenerationsbedarf werden sichtbar und können entsprechend früher erkannt werden.
  • ❯ Reflexion und Disziplin: Regelmäßige Messungen von Körperdaten fördern die Achtsamkeit und entwickeln Routinen.
  • ❯ Motivation durch Transparenz: Die individuelle Entwicklung sowie kleine Fortschritte werden sichtbar und fördern die Motivation weiterzumachen.

Mögliche Risiken

Neben diesen positiven Aspekten kann der Einfluss von Biohacking auf die Persönlichkeit aber auch Gefahren bergen:
 
  • ❯ Zahlenfokussierung: Subjektives Empfinden und das eigene Körpergefühl werden durch Messwerte verdrängt. Das Vertrauen auf die Stimme des Körpers schwindet, wenn die reinen Daten dem widersprechen.
  • ❯ Perfektionismus & Kontrollzwang: Nicht nur im Spitzen- mittlerweile auch im Freizeitsport ist eine Tendenz zur Optimierung auf unterschiedlichsten Ebenen zu beobachten. Biohacking liefert hierzu eine Vielzahl an Daten, was den Wunsch nach optimalen Werten begünstigt und so Druck erzeugen kann.
  • ❯ Vergleichsdenken: Persönliche Daten und Ergebnisse werden mit Norm- oder Community-Werten oder auch den eigenen Ergebnissen verglichen. Insbesondere im Vergleich mit Gruppen sind individuelle Unterschiede jedoch meist sehr groß, was die Daten nicht vergleichbar macht. Zudem können Messfehler nicht ausgeschlossen werden, so dass eine empirische Interpretation nicht möglich ist.
Vor diesem Hintergrund kann Biohacking durchaus kritisch betrachtet werden. Denn wenn die Kontrolle von Daten wichtiger wird als das eigene Wohlbefinden, dann beeinflusst es die Persönlichkeit negativ.
 

Fazit

Abschließend bleibt festzuhalten, dass Biohacking die individuelle Leistung und Gesundheit sowie das Selbstverständnis stärken kann, wenn es der Lebensqualität und -freude dient und nicht zur permanenten Selbstkontrolle wird. 

Richtig eingesetzt ist es also eines von vielen Werkzeugen zur bewussten Selbstfürsorge, welches bei falscher Nutzung aber auch zur Belastung durch Optimierungsdruck für den Anwender werden kann. Eine reflektierte Persönlichkeit und der bewusste Einsatz unter Berücksichtigung entsprechender Regeln ist von entscheidender Bedeutung.

Grundregeln zur Anwendung von Biohacking
Wie beschrieben, hat Biohacking ein großes Potenzial, um die körperliche, mentale oder auch kognitive Leistungsfähigkeit und Gesundheit des Anwenders positiv zu entwickeln. Um dabei einen sinnvollen Rahmen abzustecken, sollten aber ein paar Grundregeln beachtet werden:
 
1. Daten dienen der Orientierung und sind kein Befund
Alle gemessenen Werte sind Hinweise, die im Gesamtkontext aus Stress, Lebensphase, Gesundheits- und Fitnesslevel betrachtet werden müssen.
2. Weniger ist mehr
Wenn man alles trackt, was möglich ist, verliert man schnell den Überblick und hat eine Menge Geld für entsprechende Instrumente investiert. Viel sinnvoller ist es, sich gezielt auf relevante Parameter zu fokussieren, die im Rahmen der Ziel - erreichung wichtig sind.
3. Auf den Körper hören
Über Jahrhunderte ist der Mensch nur mit Intuition, Körper - gefühl, Stimmung und der Beachtung des subjektiven Energielevels ausgekommen. Diese innere Stimme des Körpers hat weiterhin Relevanz und ist der Interpretation reiner Daten mindestens gleichwertig. Leider ignorieren wir zunehmend diese innere Stimme.
4. Fachliche Expertise einholen und Rat suchen
Bei auffälligen oder langfristigen Veränderungen oder bei Unsicherheiten bzw. Unkenntnis können Selbstdiagnosen in Kombination mit einer unsachgemäßen Anwendung von Maßnahmen ein sehr hohes Gesundheitsrisiko beinhalten Die ärztliche oder therapeutische Beratung ist in diesen Fällen dringend angeraten.
5. Datenschutz beachten
Das Internet vergisst nicht. Demnach ist darauf zu achten, nur seriöse Anbieter und Geräte zu nutzen und dabei nur wirklich notwendige Daten preiszugeben.

Der Autor
Christian Kunert ist Dozent an der ISTHochschule in den Bereichen Gesundheitsmanagement und Prävention sowie Gesellschafter und Geschäftsführer Akademie für Prävention & Fitness GmbH (www.akapraefit.de) und Inhaber von KunertGesundheit (www.kunertgesundheit.de).

‹ Zurück

© TT-Digi 2026