Marketing & Management

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02.08.2022

Sind Studios eine Gefahr für Fitness-Apps?

Sind Studios eine Gefahr für Fitness-Apps?

Das ungenutzte Potential der Fitness-Studios

Nein, diese Überschrift ist kein Fauxpas, sondern absolut ernst gemeint. Unser Autor Andreas Bechler ist wirklich der Meinung, dass Fitness-Studios ein noch nicht genutztes Potenzial besitzen, FitnessApps unter Druck zu setzen.

Fitness-Apps sind ohne Zweifel beliebt. Laut einer Prognose des Statista Digital Market Outlook könnte die Anzahl der Nutzer von FitnessApps hierzulande bis zum Jahr 2024 auf 18,3 Millionen Nutzer ansteigen (2017: 9,7 Mio.).

Apps wie beispielsweise Freeletics oder Strava haben dabei über die Jahre eine ordentliche Entwicklung durchgemacht und decken mittlerweile eine große Bandbreite an sportlichen Aktivitäten ab. Vor allem vier Faktoren können als Grundlage ihres Erfolgs gesehen werden (s. Abb. ).:

Diese Vorteile spielen die FitnessApps natürlich gnadenlos aus. Die Frage ist nun, was haben die stationären Fitnessanbieter dem entgegenzusetzen? Wie stehen die FitnessStudio im Vergleich zu den Fitness-Apps da?

Vergleich: Studio vs. App

Die folgende Tabelle soll nun FitnessApps mit Fitness-Studios vergleichen. Allerdings möchte ich hierbei nicht alle Fitness-Studios in einen Topf werfen, da die Unterschiede zu groß sind. Ich lasse Fitness-Apps gegen Discount-Studios und Premium-Studios antreten, und zwar in den drei Kategorien Preis- & Vertragsgestaltung, Nutzungsmöglichkeiten (zeitlich/ örtlich) und Betreuungsqualität.

Schauen wir uns das Leistungsportfolio aus der Tabelle mal an. Die größten Überschneidungen haben FitnessApps mit den Discount-Studios, was eigentlich auch wenig verwundern sollte. Die Premium-Studios sind dagegen von Anfang an anders positioniert. Der Schwerpunkt hier liegt in der individuellen Betreuung, was eine Fitness-App (zumindest Stand heute) nicht abbilden kann. Trotzdem machen sich viele Premium-Anbieter deswegen einen Kopf.

Sorgen und echte Probleme

Ich formuliere es mal ganz ketzerisch. Ein Premiumstudio-Inhaber, der sich ernsthaft Sorgen macht, dass ihm eine Fitness-App Konkurrenz machen könnte, hat eines von zwei Problemen: Entweder er hat nicht die zu seinem Premium-Angebot passenden Kunden im Studio oder er weiß instinktiv, dass das eigene Angebot den Preis nicht wert ist. In beiden Fällen liegt das Problem aber immer beim Studio-Inhaber und seinem eigenen Konzept, nicht bei den Kunden, nicht bei den Mitarbeitern.

Sie werden vielleicht sagen, dass man doch deutlich sieht, dass sich das reale Fitnessangebot von den digitalen Angeboten so deutlich unterscheidet, dass es jeweils eine ganz andere Zielgruppe anspricht. Dachte ich zugegebenermaßen auch erst. Hierzu habe ich aber eine spannende Zahl entdeckt: 51% der FitnessApp-User sind Mitglied in einem Fitness-Studio. Warum diesen Menschen nicht eine Möglichkeit aufzeigen, dass sie beides bei Ihnen bekommen können? Das reale und das digitale Fitnessangebot.

Das Mittelding: das hybride Konzept

Das Wie ist im Grunde in einem Schlagwort beschrieben, dass in den letzten beiden Jahren durch unsere Brache geistert: das hybride Studiokonzept. Wie eine technische, organisatorische und preisliche Umsetzung aussehen kann, das habe ich gemeinsam mit Stefan Rauch aufgezeigt (Vgl. TT-DIGI 01/21 und 02/21).

Nachdem ich aber in diesem Artikel aus der Kundenperspektive geschrieben habe, möchte ich mich nun mit dem möglichen Leistungsportfolio für den Kunden auseinandersetzen. Wenn wir an ein mögliches Leistungsangebot durch ein Fitness-Studio im digitalen Umfeld denken, dann können wir grundsätzlich zwischen zwei Kategorien unterscheiden: Auf Ebene der Personenzahl (Einzel vs. Gruppe) und bzgl. des Trainingszeitpunktes (live vs. eigenständig).

Dies führt zu vier verschiedenen Leistungskategorien, die ein Fitness-Studio im digitalen Umfeld anbieten kann. Das individuelle 1:1-Personal Training (Online) ermöglicht es dem Kunden im direkten Live-Kontakt mit seinem Personal Trainer ein Online-Training durchzuführen. Im Grunde genommen wird hier das bestehende Konzept ‚Personal Training‘ einfach nur auf die digitale Landschaft übertragen.

Das Online-Coaching, in einer vorherigen Version von mir auch individuelles selbstständiges Training (Online) genannt, übertragt das bekannte Vorgehen eines Fitness-Studios in die digitale Landschaft. Der Kunde bekommt einen individuell erstellten Trainingsplan, welchen er eigenständig überall umsetzen kann. Der Trainer steht als Ansprechpartner jederzeit über eine digitale Plattform zur Verfügung. Es können Videos zur Korrektur versandt werden, Fragen zum Training gestellt werden und in regelmäßigen Abständen trifft man sich (digital oder real) und geht Änderungen am Trainingsplan durch. Eigentlich alles wie immer, nur jetzt eben größtenteils digital. In diesem Bereich findet man einige Personal Trainer, die dies sehr gut etabliert haben.

Das Live-Online-Gruppentraining haben viele Fitness-Studios während der heißen Phasen der Pandemie angeboten. Gruppentraining, wie man es aus dem eigenen Studio bereits kennt, wird jetzt eben live in der digitalen Welt angeboten. Die gängigen sozialen Kanäle, welche mittlerweile größtenteils Live-Übertragungen anbieten, haben diese Möglichkeit leicht und schnell verfügbar gemacht. Allerdings kann es durchaus über eine studioeigene App oder auf der eigenen Homepage hinter einer „Paywall“ (Mitgliedsbereich) angelegt werden und entsprechend amortisiert werden.

Das On-Demand-Online-Gruppentraining kennt man von vielen „digitalonly“ Anbietern. Kurseinheiten werden vorproduziert und können anschließend durch die Kunden zu jeder Zeit und an jedem Ort einfach abgerufen werden. Möglich ist auch die Zweitverwertung zuvor live übertragener Kurse oder anderer exklusiver Content, welcher sich nicht an ein spezielles Individuum, sondern an alle Studiobesucher richtet (wie z.B. Seminare etc.). Auch hier wären wieder die studioeigene App und ein Mitgliedsbereich mögliche Punkte, um es den eigenen Kunden zugänglich zu machen.

Fazit: Zeit zum Gegenangriff!

Welche dieser Kategorien der Kundenbetreuung man im eigenen Leistungsportfolio anbieten möchte, muss individuell entschieden werden. Es muss nicht immer alles sein. Lieber macht man einzelne Dinge gut und effizient, als beim Versuch der Platzierung als All-Inklusive-Anbieter im digitalen Umfeld wieder alles ein bisschen aber nichts richtig zu machen.

In allen Kategorien hat das FitnessStudio der Fitness-App einen entscheidenden Punkt voraus. Der Kunde ist eben keine anonyme Nummer und der Anbieter ist keine anonyme große Firma. Man kennt sich, man hat jeweils ein Gesicht dazu. Dies kann gerade in einem Umfeld, in der es um das Fundamentalste des Menschen geht, seine Gesundheit, Gold wert sein.

Sie sehen also, es besteht kein Grund, das digitale Umfeld kampflos den Fitness-Apps zu überlassen. Gute Fitness-Studios bringen jede Voraussetzung mit, um ein erfolgreiches digitales Angebot im eigenen Leistungsportfolio zu integrieren. Es muss nur umgesetzt werden, dann werden auch die Fitness-Apps wieder einige Kunden an die Fitness-Studios verlieren. Blast also die Hörner zum Gegenangriff! ‹‹‹

Andreas Bechler

Bild: © Shutterstock.com_1410668642_Ground Picture

 

 


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